[Der Artikel erschien zuerst im Newsletter 03|2019. Lies den ganzen Newsletter hier]

Der Mensch ist es gewohnt, linear zu denken. “Wenn ich pro Stunde 15.-€ verdiene, habe ich am Ende der Woche (40 Stunden) 600.-€. Im Monat (4 Wochen á 40 Std.) dann 2400.-€”. Stimmt! Und wenn mein Chef das Gehalt verdoppelt, stehen am Ende des Monats 4800,-€ am Konto. Stimmt auch, fast, wenn da bloß … (schon mal von “Steuerprogression” gehört?).

Die meisten von uns betrachten den größten Teil unseres Lebens als lineare Funktion. „Linear“ meint, dass die Höhe eines erzielten Ergebnisses direkt proportional zu der Anzahl der Stunden ist, die dafür aufgewendet werden.

Lineares Wachstum

Lineare Zusammenhänge sind einfach und schön – in der Praxis aber nicht immer realistisch.

Stell dir vor, du gehst nach draußen und joggst 15 Minuten. Dies wäre eine gesunde Sache. Nun stell dir vor, du wärst 30 Minuten gelaufen. Es wäre auch gesund, aber es wäre nicht unbedingt doppelt so gesund wie die 15 Minuten.

Und was wäre, wenn du eine Stunde rennst? Definitiv würdest du dich weiterentwickeln, aber die Chancen stehen gut, dass du nur wenig besser dastehst als nach den ersten 15 Minuten.

Logarihmisches Wachstum

Beim Sport bemerkt man mit fortschreitender Zeit einen abnehmenden Erfolg. Warum? Einfach weil deine Muskeln ermüden. Und während deine Muskeln ermüden, verringert sich ihre Fähigkeit für weiteres Wachstum, bis es mehr oder weniger nicht mehr existiert.

Auch geistige Arbeit – neudeutsch “Brain-Work” – funktioniert auf diese Weise. Weil unser Gehirn wie ein Muskel ermüdet, ist das Ergebnis, das sich an einem Tag effektiv erzielen lässt, begrenzt.

Hier spricht man von einem “logarithmischenWachstum”. Logarithmische Wachstumskurven nehmen zu Beginn schnell zu, aber die Gewinne und Zuwächse nehmen mit fortschreitender Zeit ab und werden weniger und schwieriger.

Logarithmisches Wachstum

Beispiele für logarithmisches Wachstum sind die eben angesprochenen Erfolge im Sport und Ausdauertraining. Auch viele Lernprozesse, ob Sprachenlernen oder das Erlernen eines Musikinstruments fallen hierunter. Aber auch die Abnehm- Erfolge einer Diät: erst “Purzeln die Pfunde”, und dann wird’s zääääh.

Garfield wächst negativ

Neben dem Logarithmischen Wachstum existiert noch eine zweite Form:

Exponentielles Wachstum

Exponentielle Wachstumskurven nehmen anfangs langsam zu, mit der Zeit steigen die Gewinne schneller und gute Ergebnisse werden mit der Zeit leichter erreicht. Eine exponentielle Wachstumskurve schaut schematisch so aus:

Exponentielles Wachstum

Viele Wachstumsprozesse in der Natur folgen dem exponentiellen Ansatz (Bevölkerungswachstum oder das epidemische Wachsen von Bakterienstämmen). Aber auch im täglichen Leben haben wir es oft mit exponentiellem Wachstum zu tun:

Neue Websites z.B. erhalten anfänglich hier und da ein paar Besucher, die zufällig dorthin finden. Im Laufe der Wochen und Monate können sich diese tröpfchenweisen Visits aber zu einem Strom von Besuchern und Abonnenten entwickeln.

Auch im Bereich der Social Media kennt man das Phänomen: lange döst so ein Account vor sich hin, und plötzlich kommen sie, die Likes und Follower. Und irgendwann ist es dir egal, ob du nun 2000 oder 5000 neue Freunde am Tag hast.

Und ähnliches gilt für das Unternehmenswachstum oder – hier sind wir wieder bei unserem ureigenen Thema – für das Anwachsen eines (Trading-) Kontos. Der Zins- und Zinseszinseffekt sorgt hier ebenfalls dafür, dass es Anfangs schleppend und langsam vorangeht, dann aber stetig und konstant steigt (wenn du nicht… – aber dazu später).

Und was bringt mir jetzt dieses Wissen?

Lineares Wachstum ist die ABSOLUTE AUSNAHME. Die Dinge in der Realität funktionieren anders. Und es ist extrem wichtig, das Wachstumsmuster deiner jeweiligen Aufgabe zu verstehen, damit du deine Erwartungen entsprechend festlegen kannst und den großen Frust vermeidest. Mit anderen Worten:

Erwarte keine exponentiellen Gewinne, wenn du ein logarithmisches Spiel spielst!

Deine Herausforderung bei einem Deal mit logarithmischem Wachstum besteht darin, dich nicht entmutigt zu fühlen, wenn Erträge irgendwann immer langsamer zufließen. Am Anfang erfährst du schnelle und relativ einfache Erfolge, dann werden die Zuwächse immer geringer. Logarithmisches Wachstum setzt voraus, dass du die geistige Härte besitzt, um ein Spiel zu spielen, das mit der Zeit immer schwieriger zu gewinnen ist.

Du wirst dich irgendwann wie auf einem Plateau fühlen. Du wirst dich selbst und deine Fähigkeiten in Frage stellen. Und du wirst lernen, dich mit Langeweile oder Eintönigkeit deiner Aufgabe abzufinden, wenn du weiterhin im Spiel bleiben willst.

In dieser Phase kann es oftmals auch notwendig werden, mit alten Gewohnheiten zu brechen. Die Stagnation kommt nicht selten von verkrusteten Strukturen. Jetzt kann ein Ausbruch aus der Komfortzone, ein Verlassen bekannter, eingefahrener Wege neue Impulse geben und neues Wachstum anregen.

Logarithmisches Wachstum stagniert und fällt

Logarithmisches Wachstum bedeutet aber auch, dass es sehr einfach ist, den Hang wieder hinunterzurutschen. Da das Wachstum am Anfang ziemlich steil ist, kann Unachtsamkeit dazu führen, dass diese unmittelbaren Gewinne schnell wieder verloren gehen.

Wenn du andererseits in einer Sache mit exponentiellem Wachstum engagiert bist, besteht die Herausforderung darin, in der frühen Phase durchzuhalten. Exponentielles Wachstum setzt voraus, dass du geduldig und fleißig bist, und zwar oft über einen sehr langen Zeitraum! Da Feedback in diesem ersten Teils der Kurve spärlich und generell negativ ist, sind Hingabe und Überzeugung von deiner Sache erforderlich, um diese Durststrecke zu überstehen.

Bist du dir nicht bewusst, dass du jetzt ein Spiel mit einem exponentiellen Wachstum spielst, ist frühes Scheitern vorprogrammiert! “Das bringt sowieso nichts…”, “Da wird nichts mehr draus…”, “ICH GEB’S AUF!” Exponentielle Gewinne resultieren nur aus konstanten Anstrengungen in den frühen Phasen.

Aber auch, wenn die exponentielle Phase in Bewegung ist, lauern Gefahren. Menschen tendieren manchmal dazu, ihre eigenen Fähigkeiten zu überschätzen und leichtsinnig zu werden. Hier lauern die selben Gefahren, wie am Anfang einer logarithmischen Wachstumsphase. Und was dann?

Achtung! Gefahr

Nicht nur im Straßenverkehr oder beim Sport kann ein übersteigertes Selbstvertrauen, dieses “High”, wenn alles fast von selbst zu laufen scheint, wenn man jetzt “aus dem Gröbsten raus” ist, katastrophale Auswirkungen haben.

Auch im Trading ist es überlebenswichtig, dass du dir ständig des Risikos bewusst bist, das sich nicht in Luft aufgelöst hat, nur weil es jetzt “richtig gut läuft”. Manchmal holt es nur tief Luft…

Schluss

Was solltest du aus diesem Post mitnehmen? Lass mich noch einmal meine wesentlichsten Aussagen zusammenfassen:

Lineares Wachstum ist für die Fische. Wachstum ist entweder logarithmisch oder exponentiell (oder gar nicht ☹). Sollte es linear sein, ist es eine Ausnahme und kann sich noch ändern.

Du musst immer wissen, mit welchem Wachstumstypus du es zu tun hast. Erwarte keine exponentiellen Gewinne, wenn du ein logarithmisches Spiel spielst.

Befindest du dich gerade in einer steilen Phase der Wachstumskurve: halte den Ball flach! Nichts ist tödlicher, als jetzt in unkontrollierte Euphorie zu verfallen. Selbstüberschätzung, falsche Einschätzung der Situation, Missachtung aller Vorsichtsregeln – das Ende ist nahe. Denk dran: entweder hast du eine längere Durststrecke hinter dir – oder du hast sie noch vor dir! Genieß den Aufschwung, aber flipp nicht aus dabei.

Gib andererseits nicht vorschnell auf, wenn es – vor allem anfangs – so richtig zäh dahinfließt. Geduld und bewußtes, konsequentes Handeln sind angesagt. Sei dir in einem exponentiellen Spiel bewußt: die steile Wachstumsphase kommt noch, aber nur nur, wenn du nicht vorher abgesprungen bist.

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